Abbildung aus dem Artikel

Neu entdeckte Malereien an den 700-jährigen Feldsteinwänden der Ragower Kirche

Bei Restaurierungsarbeiten im Inneren der Ragower Kirche wurde im Jahre 2005 unter dem Kalkputz der 700-jährigen Feldsteinwände fast zufällig Wandmalereien entdeckt, die sich hinter den berühmten Fresken märkischer Gotteshäuser wie die im Kloster Zinna nicht verstecken müssen: Zunächst Weihekreutze. Solche wurden nach mittelalterlichen Bauregeln zur feierlichen Einweihung einer Kirche durch den zuständigen Bischof an 12 Stellen im Kirchenraum angebracht. Die sechs in Ragow erhaltenen und nun wieder sichtbaren Kreuze haben die Form von „Templerkreuzen“: rote Tatzenkreuze auf weißem Grund.
Templerkreuz
Das weist in die Zeiten der deutschen Besiedelung der Mark Brandenburg. Mit den Zisterzienser-Mönchen, die nach 1160 Kloster Lehnin gründeten und die aus ihrer südfranzösischen Heimat Bewässerungstechnik und Obsthau mitbrachten, waren auch Tempelritter gekommen. Um 1220 hatten sie ihren „Tempelhof“ bei Berlin gegründet. Mit den Zisterziensern verband sie ein gemeinsamer geistiger Ahnherr: Bernhard von Clairvaux (um 1090-1151) und ihr altes Gelübde, Pilger zu schützen. Nach dem Fall Jerusalems an die Türken begleiteten sie nun die ostwärts pilgernden Zisterzienser- und übernahmen in der Siedlungszeit obrigkeitliche Aufgaben, zum Beispiel auch Patronat und Bauaufsicht für die nach 1250 entstehenden Kirchen. Viele Kirchen aus jener Zeit zeigen – wie der alte Feldsteinbau in Ragow – solche Templer-Weihkreuze.
Eine weitere jetzt entdeckte Wandmalerei kannte wohl Mittemwaldes bekanntester Bürger Paul Gerhardt schon. Vor gut 400 Jahren – 1607-geboren, wanderte er als Propst von Mittenwalde (1651-1657) an Sonntagnachmittagen öfter zum Predigtdienst in dieses kleine Feldstein-Gottesshaus, das daher seit 1977 seinen Namen trägt. Bestimmt hat er bei seinen Nachmittagspredigten in Ragow gesehen, was wir 2005 als nächstes unterm Kalk entdeckten: eine lateinische Inschrift, die bis 1598 über Pest- und Hungerszeiten im Ort berichtet. Ehe in den Dörfern der Mark auf Kurfürstlichen Befehl 1613 die Kirchenbücher angeordnet wurden, schrieb man die Chronik der Nöte eben auf die Wand. Diese Inschrift ist um 1600 entstanden, denn die nächste Pestzeit von 1622 wurde bereits im Kirchenbuch verzeichnet.
Im 15. Jahrhundert dürfte entstanden sein, was als Drittes unter dem Putz entdeckt wurde und als eigentliche Sensation gilt: eine gut erhaltene Wandmalerei (Foto oben). Damals wurden die Farben auf den frischen Kalk aufgetragen und sind auch Jahrhunderte später noch gut sichtbar. Etwa 1,80 m mal 1,40 m groß, an der oberen Westwand, ist ein so genannter „Höllenrachen“ zu sehen: Ein gewaltiger Drache mit säbelartigen langen Zähnen verschlingt Scharen von armen Sünderinnen und Sündern

Wandmalerei
(Anmerkung der Redaktion: Ein Teufel greift hier einer Dame, erkennbar am Spitzenhäubchen, in den Schoß. Die wiederum einem Mann eben dorthin. Eine andere Figur hält sich ob dieses allzu menschlichen Treibens die Hände vor die Augen.) Interessanterweise ist unter denen auch ein durch Tonsur und Gewänder kenntlicher Kirchenmann, ein Mönch, der versucht, dem Höllenrachen zu entfliehen. Aber ein Teufel hält ihn am langen Haken zum Schmoren im Feuer fest…
In solchen Darstellungen hat sich Kritik der Mönche gezeigt. Im 15. Jahrhundert stellte man so etwas in den „Totentänzen“ dar, wie man heute noch – von einem Franziskaner gemalt und mit plattdeutschen Versen versehen – in der Marienkirche in Berlin sehen kann. Aus dieser Kritik der Mönchsorden – auch Martin Luther war als Augustiner Mönch – ging schließlich die Reformation im 16. Jahrhundert hervor. Das in Ragow entdeckte Bild erweitert sich vermutlich auf der oberen Südempore noch zu einer damals üblichen Gesamtdarstellung des „Jüngsten Gerichtes“.
Die Kirchengemeinde Ragow muss es aus Kostengründen späteren Generationen überlassen, dies frei zu legen. Die Aufwendungen für das bisher Entdeckte waren schon hoch genug. Aber immerhin: In der Paul-Gerhardt-Kirche in Ragow erzählen die Feldsteinwände viel. …
Pastor em. Wegmann


Quelle: Ka We Kurier Nr. 21 vom 24. Mai 2006

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